„Mir geht’s gut.“ Wenn Stärke zur Maske wird.
- Lisa Hochstrasser
- 31. Mai
- 4 Min. Lesezeit
„Mir geht’s gut.“
„Das schaffe ich schon.“
„Ist nicht so schlimm.“
„Andere haben es viel schwerer.“
Sätze, die wir so oft sagen, dass sie fast automatisch kommen. Manchmal sagen wir sie zu anderen, manchmal zu uns selbst. Und manchmal so lange, bis wir ihnen selbst glauben wollen.
Doch tief drin wissen wir oft: So ganz stimmt das nicht.
Es ist kein Lügen im klassischen Sinn. Es ist Selbstschutz. Ein leiser, unscheinbarer Schutzmechanismus, der uns durch den Alltag trägt – besonders dann, wenn Körper und Seele eigentlich etwas ganz anderes bräuchten: Ehrlichkeit, Pause und Mitgefühl.
Viele von uns haben gelernt, stark zu sein. Zu funktionieren. Weiterzumachen. Gerade bei chronischen Erkrankungen wie Endometriose wird diese Stärke oft zur Überlebensstrategie. Schmerzen kommen, wir gehen trotzdem zur Arbeit. Erschöpfung bleibt, wir lächeln trotzdem. Tränen stehen in den Augen, wir sagen trotzdem: „Alles gut.“ Nicht, weil wir unehrlich sind. Sondern weil es oft einfacher ist, stark zu wirken, als verletzlich zu sein.
Denn verletzlich sein bedeutet, sich selbst einzugestehen: Es ist schwer. Es tut weh. Ich kann gerade nicht mehr so, wie ich gerne würde.
Warum sagen wir also so oft „mir geht’s gut“, obwohl es nicht stimmt?
Die Antwort liegt nicht nur in unserer Psyche, sondern auch in dem, was wir gelernt haben. Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, uns zu schützen. Wenn Belastung oder Schmerz zu viel werden, schaltet der Körper in einen Überlebensmodus. Gefühle werden gedämpft, Probleme relativiert – damit wir weiter funktionieren können.
Doch dieser Schutzmechanismus entsteht nicht im luftleeren Raum.
Viele von uns sind mit der Haltung aufgewachsen, dass man „da durch muss“. Dass Schwäche keine Option ist. Dass man nicht zur Last fallen darf. Frühere Generationen mussten oft funktionieren, um zu überleben. Krieg, Existenzängste und wenig Raum für Gefühle machten Stärke zur Notwendigkeit. Sätze wie „Reiss dich zusammen“, „Andere haben es schwerer“ oder „Das Leben ist kein Wunschkonzert“ waren oft keine Härte, sondern ein Versuch, mit schwierigen Umständen umzugehen.
Diese Haltung wurde weitergegeben – durch Worte, aber auch durch Vorleben. So haben viele von uns gelernt, Belastung herunterzuspielen, Schmerzen zu relativieren und weiterzumachen, auch dann, wenn der Körper längst etwas anderes braucht.
Hinter diesem ständigen Funktionieren stehen oft unbewusste Glaubenssätze wie: „Ich muss stark sein.“, „Ich darf keine Schwäche zeigen.“ oder „Andere brauchen Hilfe mehr als ich.“ Sie begleiten uns oft schon seit vielen Jahren und beeinflussen, wie wir mit Schmerz, Erschöpfung und unseren eigenen Grenzen umgehen. Häufig merken wir gar nicht, wie sehr sie unser Denken und Handeln bestimmen – selbst dann, wenn Körper und Seele längst eine Pause brauchen.
Hinzu kommen gesellschaftlicher Druck und persönliche Erfahrungen. Leistung, Durchhalten und Funktionieren werden oft höher bewertet als Pausen, Grenzen oder Verletzlichkeit. Wer stark wirkt, wird ernst genommen. Wer müde ist, muss sich erklären. Und viele von uns kennen das Gefühl, nicht ernst genommen oder mit ihren Beschwerden bagatellisiert worden zu sein.
Also sagen wir: „Mir geht’s gut.“ Auch wenn es nicht stimmt. Nicht, weil wir lügen. Sondern weil wir uns schützen.
Gerade bei Endometriose zeigt sich das besonders deutlich. Die Erkrankung ist oft unsichtbar. Von aussen sieht niemand, wie sehr etwas schmerzt, wie erschöpft man ist oder wie viel Kraft es kostet, nach aussen normal zu wirken.
Also sagen wir: „Geht schon.“ „Ist nur ein bisschen Schmerz.“ „Heute ist ein guter Tag.“
Manchmal stimmt das sogar. Und manchmal eben nicht.
Doch selbst an den Tagen, an denen alles zu viel ist, tragen wir unsere Maske weiter. Aus Gewohnheit. Aus Angst, anderen zur Last zu fallen. Aus dem Gefühl heraus, uns ständig erklären zu müssen. Irgendwann erklären wir es nicht mehr – wir schlucken es einfach herunter.
Der schwierigste Schritt ist oft nicht, ehrlich zu anderen zu sein. Sondern ehrlich zu sich selbst.
Wir reden uns ein, dass wir das alles schon schaffen. Dass wir nicht so empfindlich sein dürfen. Dass andere es ja auch irgendwie hinkriegen. Doch unser Körper spricht eine klare Sprache. Und unsere Gefühle auch.
Schmerzen sind kein Zeichen von Schwäche. Erschöpfung ist kein Zeichen von Versagen. Emotionen sind kein Zeichen von „zu viel“. Sie sind Zeichen dafür, dass etwas gesehen werden möchte.
Vielleicht kennst du diesen Moment: Jemand fragt: „Wie geht’s dir?“ Und du antwortest automatisch: „Gut.“ Nicht, weil es gut ist. Sondern weil du keine Energie hast, es zu erklären. Weil du niemanden belasten willst. Oder weil du selbst noch nicht bereit bist, hinzuschauen.
Dabei darfst du müde sein. Du darfst sagen, dass es schwer ist. Du darfst Pausen brauchen. Du darfst dich überfordert fühlen. Du darfst dich selbst ernst nehmen.
Stark sein bedeutet nicht, alles alleine zu tragen. Manchmal bedeutet Stärke, sich einzugestehen: Ich brauche Unterstützung. Ich darf langsamer sein. Ich darf mir selbst mit Mitgefühl begegnen. Gerade mit Endometriose. Gerade mit einem Körper, der nicht immer mitmacht. Gerade mit einer Krankheit, die so viel Energie fordert – auch dann, wenn man sie nicht sieht.
Vielleicht beginnt Ehrlichkeit nicht mit grossen Worten. Vielleicht beginnt sie ganz leise. Mit einem Gedanken wie: „Heute war es wirklich anstrengend.“ Oder: „Ich bin nicht okay – und das ist okay.“
Du musst es nicht jedem erzählen. Du musst es nicht perfekt formulieren. Es reicht, wenn du es dir selbst erlaubst.
Denn du darfst dir selbst glauben. Deinem Körper. Deinen Gefühlen. Deiner Erschöpfung.
Viele tragen diese Maske. Viele funktionieren, obwohl sie müde sind. Viele sagen „mir geht’s gut“, obwohl es nicht stimmt. Und genau deshalb ist es so wichtig, darüber zu sprechen. Nicht laut. Nicht dramatisch. Sondern ehrlich.
Denn hinter jeder starken Fassade steckt ein Mensch mit Bedürfnissen. Und diese Bedürfnisse verdienen Raum.
Vielleicht kannst du dir heute einen Moment nehmen und dich fragen:
Wie geht es mir wirklich – und warum sage ich oft etwas anderes?
Nicht die automatische Antwort. Sondern die ehrliche.
Und egal, wie sie ausfällt: Sie ist richtig. Sie ist wichtig. Und sie darf da sein.
von Herz zu Herz endoli | lisa hochstrasser




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