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Wir reden viel über Sexualität. Aber kaum über die eigene.

27. Aug.
3 Min. Lesezeit

Sexualität ist ein Thema, das unser Leben tief berühren kann. Und doch habe ich manchmal das Gefühl, dass wir zwar viel über Sexualität sprechen – aber erstaunlich wenig über unsere eigene.


Gerade bei Endometriose oder Adenomyose.


Wir sprechen über Schmerzen. Über Blutungen. Über Erschöpfung. Über Operationen und Therapien. Wir erklären unserem Umfeld, weshalb wir absagen müssen oder warum unser Körper manchmal nicht mehr mitmacht.


Doch über das, was diese Erkrankungen für unsere Sexualität bedeuten können, wird oft geschwiegen.


Vielleicht, weil es uns zu nah ist.

Vielleicht, weil wir selbst keine Worte dafür haben.


Oder vielleicht, weil wir Angst haben vor den Fragen, die daraus entstehen könnten.

Denn Sexualität ist weit mehr als ein körperlicher Akt. Sie berührt unser Selbstbild, unsere Partnerschaft, unser Gefühl von Weiblichkeit und unsere Sehnsucht nach Nähe. Wenn Schmerzen diesen Raum einnehmen, betrifft das nicht nur den Körper – sondern oft den ganzen Menschen.

Viele Frauen erleben beim Geschlechtsverkehr starke Schmerzen. Diese Schmerzen sind real. Sie sind keine Einbildung und sie verschwinden nicht einfach, wenn man sich «mehr entspannt» oder «positiver denkt». Der Körper setzt Grenzen – und diese Grenzen verdienen es, ernst genommen zu werden.


Und trotzdem versuchen viele Frauen weiterzumachen. Sie halten aus. Sie hoffen, dass es diesmal besser wird. Nicht selten aus Liebe. Aus Rücksicht. Oder aus Angst, den Partner zu enttäuschen oder die Beziehung zu belasten.


Je länger ich über dieses Thema nachdenke, desto mehr frage ich mich aber, ob das eigentliche Schweigen nicht schon viel früher beginnt.


Bis zu meiner Ausbildung zur Sexualberaterin hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass ich meinen Körper gut kenne. Schliesslich lebt man viele Jahre mit ihm. Natürlich weiss man doch, was einem gefällt.


Das dachte ich zumindest.


Eines Tages bekam ich eine Skizze eines menschlichen Körpers.


Die Aufgabe lautete:

„Zeichne ein und schreibe dazu, wo du gerne berührt wirst, wo du Küsse magst, wo du gerne festgehalten wirst, was sich angenehm anfühlt – und was nicht.“


Ich schaute auf das Blatt und dachte:

Das sollte doch einfach sein.


Doch je länger ich auf diese Skizze blickte, desto stiller wurde es.

Nicht, weil ich meinen Körper nicht kannte.


Sondern weil ich mir diese Fragen nie bewusst gestellt hatte.

Wo fühle ich mich wirklich wohl?

Welche Berührungen geben mir Sicherheit?

Was wünsche ich mir?

Und was wünsche ich mir vielleicht gerade nicht?


Vielleicht hätte ich einiges benennen können. Aber vieles war eher ein Gefühl als ein klarer Gedanke. Und genau das beschäftigt mich bis heute.


Wir lernen in der Schule etwas über Verhütung. Wir lernen die Anatomie. Vielleicht sprechen wir über Hormone, Schwangerschaft oder sexuell übertragbare Krankheiten.


Wir lernen die Theorie.


Doch wer lehrt uns eigentlich, über unsere eigene Sexualität zu sprechen?

Wer sagt uns, dass wir neugierig sein dürfen?

Dass wir ausprobieren dürfen?

Dass sich Bedürfnisse verändern dürfen?


Dass wir sagen dürfen: „So fühlt es sich für mich gut an.“

Oder: „So fühlt es sich für mich heute nicht gut an.“


Dies betrifft alle. Doch gerade bei Endometriose oder Adenomyose wird das plötzlich besonders wichtig. Denn wenn Schmerzen da sind, verändert sich oft auch die Sexualität. Nicht, weil Liebe verschwindet. Sondern weil der Körper andere Signale sendet.


Vielleicht wünschen sich viele Frauen deshalb eine Antwort darauf, wie Sexualität nun funktionieren soll. Doch vielleicht gibt es diese eine Antwort gar nicht. Vielleicht gibt es nur zwei Menschen, die sich gemeinsam auf den Weg machen dürfen.


Ich glaube, viele von uns warten darauf, dass sie zuerst genau wissen, was sie brauchen, bevor sie darüber sprechen.


Doch vielleicht ist genau das der Irrtum.


Vielleicht muss ein Gespräch gar nicht mit einer Lösung beginnen.

Vielleicht darf es mit einer Frage beginnen.


Mit einem vorsichtigen: „So tut es mir weh.“

Oder: „Können wir etwas anders ausprobieren?“


Oder vielleicht mit dem ehrlichsten Satz überhaupt:

„Ich weiss es selbst noch nicht. Aber ich möchte es gemeinsam mit dir herausfinden.“


Wie entlastend wäre es, wenn wir nicht glauben müssten, die perfekte Antwort zu haben.

Wenn wir nicht funktionieren müssten.

Wenn wir nicht die Verantwortung tragen müssten, alles allein zu lösen.

Sondern gemeinsam neugierig sein dürften.


Denn vielleicht besteht Intimität nicht darin, dass zwei Menschen genau wissen, was richtig ist.

Vielleicht besteht sie darin, gemeinsam herauszufinden, was sich für beide richtig anfühlt.


Und vielleicht ist der liebevollste Akt der Selbstfürsorge nicht, Schmerzen auszuhalten.

Sondern dem eigenen Körper zuzuhören und ihm die Erlaubnis zu geben, zu sprechen.


Vielleicht müssen wir nicht zuerst die richtigen Antworten finden.

Vielleicht brauchen wir zuerst den Mut, die richtigen Fragen zu stellen.


Von Herz zu Herz

 
 
 

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