Meine Endometriose-Geschichte | Teil 6 - Der Kampf nach der OP
- Lisa Hochstrasser
- 14. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Die Zeit im Aufwachraum ist in meinem Kopf nur in Bruchstücken vorhanden. Kein klares Bild, nur einzelne Fetzen: Stimmen, ein grelles Licht hinter geschlossenen Augen, das Piepen von Geräten – und dann wieder nichts. Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Ich war nicht richtig wach, aber auch nicht bewusstlos. Nur irgendwo dazwischen.
Dann lag ich im Zimmer.
Und dort kam plötzlich alles auf einmal. Laut. Grell. Überfordernd. Selbst leise Geräusche fühlten sich an, als würden sie direkt in meinem Körper einschlagen. Schritte im Gang, Stimmen, das leise Klappern von Metall – alles tat weh. Auch das Licht war zu viel, obwohl meine Augen geschlossen waren. Mein Körper fühlte sich schwer an, wie festgedrückt in die Matratze. Ich wollte etwas sagen, trinken, fragen – aber kein Ton kam heraus. Ich driftete weg und tauchte wieder auf. Der Schmerz kam in Wellen. Wieder weg. Wieder da.
Die Stunden wurden zu Tagen. Ich hatte solche Schmerzen, dass mir ständig übel war. Ich musste mich immer wieder übergeben, bis mein Körper nur noch zitterte. Aufstehen war unmöglich. Ich lag einfach da – erschöpft, leer, und gleichzeitig voller Schmerz.
Die Frau neben mir im Zimmer drückte irgendwann den Notfallknopf, weil ich kaum noch reagierte. Niemand kam. Sie ging selbst in den Gang und kam fassungslos zurück: „Sie haben gesagt, sie haben gerade keine Zeit. Du musst warten.“ Und jemand hatte ihr gesagt: „Das hält sie schon noch aus. Ihre Notfallmedikamente hat sie ja schon bekommen.“ Ich spürte ihre Angst – und meine. Zwei Körper, zwei Schmerzen, ein Zimmer. Und trotzdem musste jede irgendwie allein da durch.
Nach einiger Zeit merkte ich, dass eines der Medikamente die Übelkeit schlimmer machte. Ich sagte, dass ich es nicht mehr wollte, und bat um ein anderes. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, meinen Körper zu verteidigen. Und tatsächlich – es wurde etwas besser. Kein grosser Schritt, aber ein kleiner Sieg.
Die Schmerzen blieben schlimm. Ich bekam Morphin, später Oxycodon. Doch statt Ruhe verkrampfte sich mein ganzer Körper davon. Muskeln, Gesicht, sogar mein Kiefer. Ich konnte nicht sprechen, mein Herz raste. Vor meinem Bett stand jemand, der immer wieder „Hallo“ sagte. Es war wie ein schlechter Traum – absurd und gleichzeitig beängstigend. Ein Zustand, den ich nie wieder erleben möchte. Aber: Die Übelkeit liess nach. Und das war etwas.
Als ich schliesslich nach Hause durfte, dachte ich, es würde leichter. Aber zu Hause wartete kein Schonraum. Nichts war vorbereitet – keine Hilfe, keine Kinderbetreuung, kein Plan. Ich kam nach Hause und sollte sofort wieder funktionieren: Mutter, Ehefrau, Alltag. Aber ich konnte nicht. Mein Körper war schwach, mein Kopf müde, mein Herz irgendwie taub. Ich war da – aber nicht wirklich.
Ich hatte Medikamente gegen die Schmerzen, aber seelisch war ich nackt. Niemand sagte mir, wie es ist, wenn man das Krankenhaus verlässt, aber sein Leben noch nicht zurück hat. Ich fühlte mich fremd in meinem eigenen Alltag. Mein Körper war anders. Ich war anders. Und ich wusste nicht, wie ich das erklären soll.
Die Operation brachte nicht die schnelle Erlösung, auf die ich gehofft hatte. Aber sie war ein Schritt. Kein Ende – eher ein Anfang mitten im Chaos. Der Weg fühlte sich länger an als vorher, aber ich wusste jetzt: Ich bin unterwegs. Ich beginne, meinen Körper Stück für Stück zurückzuerobern. Und auch wenn dieser Weg schwer ist – ich gehe ihn.
von Herz zu Herz
endoli | lisa hochstrasser


Kommentare