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Meine Endometriose-Geschichte | Teil 13 – Ein Ende. Aber nicht das Ende.

13. Sept.
7 Min. Lesezeit

Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, fühlt es sich manchmal fast unwirklich an.


Nicht, weil ich alles verdrängt hätte. Ganz im Gegenteil. Ich erinnere mich sehr gut an viele Momente. An Schmerzen. An Angst. An Erschöpfung. An dieses Gefühl, meinem eigenen Körper nicht mehr vertrauen zu können. An das Funktionieren. An das Aushalten. An all die Fragen, auf die ich so lange keine Antworten hatte. Aber auch an Wut. Auf meinen Körper. Darauf, dass er nicht einfach so funktionierte, wie ich es mir so sehr gewünscht hätte. Und wenn ich ganz ehrlich bin, manchmal auch auf mich selbst.


Und gleichzeitig fühlt sich mein Leben heute so anders an.

Nicht, weil mein Leben perfekt wäre. Sondern weil ich heute nicht mehr dieselbe Frau bin.

Ich bin bewusster. Mutiger. Ich kenne meine Grenzen besser und ich kenne mich besser. Und vielleicht das Schönste: Ich mag mich heute mehr denn je.


Das hätte ich früher nie über mich gesagt.


Denn lange dachte ich, Heilung würde bedeuten, irgendwann wieder die Frau zu sein, die ich vor all dem einmal war. Heute weiss ich: Darum ging es nie. Ich bin nicht zu einer früheren Version von mir zurückgekehrt. Und wenn ich ehrlich bin, möchte ich das auch gar nicht.


Denn so hart dieser Weg in vielen Momenten war – er hat mich verändert. Nicht, weil Leid etwas Schönes wäre. Nicht, weil ich irgendetwas davon gebraucht hätte. Aber weil ich auf diesem Weg Dinge über mich gelernt habe, die ich sonst vielleicht nie erkannt hätte.


Ich setze heute Grenzen, wo ich früher vielleicht ausgehalten hätte. Ich erkenne Muster schneller. Ich weiss besser, was ich brauche – und auch, was nicht. Ich kenne heute meinen Wert. Und ich kenne mein Wertesystem. Ich weiss besser, was mir im Leben wirklich wichtig ist, woran ich mich orientieren möchte und wo ich nicht mehr von mir selbst abweichen will, nur um Erwartungen zu erfüllen.


Ich habe gelernt, dass Stärke nicht bedeutet, alles still zu tragen. Und dass Selbstliebe manchmal eine sehr bewusste Entscheidung ist.


Nach dieser dunklen Phase kamen neue Fragen. Nicht nur die grossen nach Identität und Selbstwert. Sondern auch ganz praktische.


Wie erzählt man jemandem von so einer Geschichte? Wann sagt man, dass man Endometriose hat? Dass der eigene Körper viel durchgemacht hat? Dass gewisse Themen vielleicht anders sind als bei anderen?


Und irgendwann kam auch die Kinderfrage.

Eine Frage, die mich tiefer berührte, als ich lange wahrhaben wollte. Denn auch wenn die Entscheidung für meine Hysterektomie damals bewusst und richtig war, bleibt da trotzdem eine Realität: Ich kann keine Kinder mehr bekommen.


Und ja – ich habe Menschen kennengelernt, für die ein eigenes Kind noch ein Wunsch war.


Was macht man in so einem Moment? Wie früh spricht man so etwas an? Wie erklärt man etwas, das selbst für einen so lange emotional komplex war?


Natürlich kamen da wieder diese alten Gedanken hoch: Will mich überhaupt jemand so? Bin ich genug? Bin ich zu kompliziert? Mit zu viel Geschichte?


Heute weiss ich, dass solche Fragen zutiefst menschlich sind. Aber ich weiss auch, dass unser Wert nicht davon abhängt, was unser Körper leisten kann.


Diese Erkenntnis war kein Schalter. Sie war ein Weg. Mit vielen Gesprächen, innerer Arbeit, Tränen und ehrlichen Begegnungen mit mir selbst.


Und diese innere Arbeit hat nicht nur meinen Blick auf mich verändert, sondern auch meinen Blick auf Menschen.


Je mehr ich begann zu verstehen, wie viel in uns unbewusst abläuft, wie stark Glaubenssätze, Schutzmechanismen, Stressmuster und unser Nervensystem unser Leben beeinflussen, desto mehr wollte ich wissen. Nicht aus dem Gefühl Ich bin noch nicht fertig. Sondern aus echter Neugier. Aus Faszination.


Warum tun wir, was wir tun? Warum bleiben wir, obwohl uns etwas nicht guttut? Warum passen wir uns an? Warum haben wir Angst vor Ablehnung? Warum begegnen wir uns selbst manchmal so hart?


Und je mehr ich mit Menschen arbeitete, desto klarer wurde mir, wie oft gewisse Themen wiederkehren: Selbstwert. Grenzen. Körperbild. Nähe. Unsicherheit. Und auch Sexualität.


Ein Thema, über das unsere Gesellschaft unglaublich viele Bilder vermittelt – aber erstaunlich wenig ehrliche Gespräche führt. Hollywood macht es nicht einfacher. Pornografie schon gar nicht. Manchmal scheint es fast, als wären gewisse Vorstellungen darüber, wie man zu sein hat, wie ein Körper zu funktionieren hat oder wie Intimität auszusehen hat, in Stein gemeisselt.


Und genau deshalb wollte ich tiefer eintauchen. Nicht, weil ich selbst „fertig“ sein musste. Sondern weil meine Neugier und meine Leidenschaft gewachsen waren. Und weil ich Räume schaffen wollte, in denen Menschen sich ehrlich begegnen dürfen.


Und irgendwann entstand daraus auch endoli.


Nicht als perfekter Plan. Sondern aus einem echten Wunsch heraus. Weil ich weiss, wie es sich anfühlt, sich nicht verstanden zu fühlen. Weil ich weiss, wie einsam solche Wege sein können. Weil ich weiss, wie viel Kraft es kostet, immer weiterzugehen.


Und weil ich irgendwann gemerkt habe, dass all das, was ich durchlebt habe, nicht nur Schmerz war.


Sondern auch Erfahrung. Tiefe. Verständnis. Menschlichkeit.


Manchmal sage ich heute etwas, das für manche Menschen vielleicht schwer nachvollziehbar ist: Dass ich in gewisser Weise sogar dankbar für meine Endometriose bin.


Nicht für den Schmerz. Nicht für die dunklen Momente. Nicht für das, was es mich gekostet hat.

Aber für den Weg.


Denn ohne Endometriose. Ohne all das, was passiert ist. Ohne all die Fragen, durch die ich gehen musste … hätte ich diese Version von mir vielleicht nie kennengelernt.


Und trotzdem ist meine Endometriose nicht einfach weg.


Auch heute gibt es Tage, an denen sie sehr präsent ist. Und andere, an denen sie sich leiser verhält.


In letzter Zeit kommen die Krämpfe wieder etwas häufiger. Nicht so wie früher. Nicht in dieser zerstörerischen Intensität. Aber sie sind da. Dazu kommen dieses bekannte Ziehen ins Bein, das Kribbeln und die Beschwerden unter den Rippen. Mal ist es ein Stechen, mal ein Ziehen. Manchmal fühlt es sich an, als würde dort ein Fremdkörper sitzen – mit fiesen kleinen Stacheln, die immer wieder irgendwo hineinstechen. Und an gewissen Tagen, wenn mein Körper insgesamt wieder lauter wird, kommt auch dieses seltsame Taubheitsgefühl im Arm dazu. Meine rechte Körperseite fühlt sich bis heute oft schwerer, dumpfer, weniger frei an als die linke.


Mein Körper trägt seine Geschichte. Und manchmal erinnert er mich daran.


Und es gibt auch wieder Tage, an denen die Schmerzen so präsent sind, dass mein Körper mir ziemlich deutlich sagt: Heute geht nicht alles.


Dann werden Termine abgesagt oder verschoben. Dinge, die nicht dringend sind, bleiben liegen. Ich liege im Bett und stelle auf das Nötigste um.


Früher hätte ich vielleicht versucht, trotzdem weiterzumachen. Heute fällt es mir leichter, diese Tage anzunehmen. Nicht, weil ich sie schön finde. Und ganz sicher nicht, weil ich sie mir ausgesucht hätte. Sondern weil ich gelernt habe, dass mein Körper manchmal einfach eine Pause braucht – und dass ich nicht jedes Mal dagegen ankämpfen muss.


Die Tage gab es früher schon. Sie gibt es auch heute noch. Der Unterschied liegt nicht darin, dass sie verschwunden sind. Sondern darin, dass ich heute anders mit ihnen umgehe.


Wenn ich merke: Ah. Jetzt beginnt es wieder, versuche ich nicht sofort in den Kampf zu gehen. Ich frage mich eher: Was brauche ich gerade?


Vielleicht mehr Pausen. Mehr Entspannung. Eine bessere Planung. Weniger Termine. Einen Gang zurück.


Ich achte auf meine Gedanken. Bin ich gerade wirklich hier? Oder befinde ich mich schon wieder in der Vergangenheit? In der Zukunft? Oder mitten in einem Gedankenkarussell?


Ich versuche wahrzunehmen, was gerade passiert, ohne sofort alles zu bewerten.

Und natürlich nutze ich auch das, was ich über die Jahre gelernt habe. Ich motiviere mich. Ich trickse mich manchmal ein bisschen aus. Ich setze mir kleine Startpunkte. Ich suche bewusst nach Dingen, die mir Freude machen. Und ich feiere mich auch mal für die kleinen Dinge.


Aber nicht, weil ich aus allem zwanghaft etwas Positives ziehen möchte.

Ich glaube nicht daran, dass jede Erfahrung einen positiven Sinn haben muss. Manches ist einfach beschissen. Manches tut weh. Manches macht wütend. Und manchmal darf genau das auch einfach so sein.


Für mich bedeutet Akzeptanz nicht, alles gut finden zu müssen. Es bedeutet, anzuerkennen, was gerade da ist – und dann zu schauen, was ich damit machen kann.


Vielleicht ist es ein bisschen wie bei einem Schiff.

Den Wind kann ich nicht ändern. Die Wellen auch nicht. Aber ich kann meine Segel neu setzen.

Ich kann schauen, was gerade vor mir liegt. Ich kann meine Grenzen erkennen. Ich kann entscheiden, wann ich eine Pause brauche, wann ich meinen Kurs ändern muss und was mir hilft, mich zu schützen.


Denn ich möchte nicht mehr unkontrolliert in ein Gewitter fahren.


Ich habe gelernt, früher hinzuschauen. Die Zeichen wahrzunehmen. Und ernst zu nehmen, wenn sich etwas zusammenbraut. Nicht aus Angst vor jedem kleinen Wölkchen. Sondern weil ich heute weiss, dass Selbstfürsorge manchmal bedeutet, rechtzeitig den Kurs zu ändern.


Manchmal bedeutet das, weiterzufahren. Manchmal langsamer zu werden. Manchmal umzudrehen. Und manchmal einen ganz neuen Weg einzuschlagen.


Nicht, weil ich aufgebe. Sondern weil ich heute weiss, dass ich nicht auf einem einzigen Kurs bleiben muss, nur weil ich ihn einmal eingeschlagen habe.

Wo mich dieses Schiff hinbringt, weiss ich noch nicht.

Und vielleicht ist genau das heute in Ordnung.


Denn gerade stecke ich selbst noch mitten in dem, was danach kommt. Da sind neue Beschwerden, neue Fragen und Dinge, von denen ich noch nicht weiss, was sie mit mir machen werden.


Ich sehe das grosse Ganze noch nicht. Ich weiss noch nicht, wie diese nächste Geschichte aussehen wird. Vielleicht muss ich das auch noch gar nicht wissen. Denn die nächste Geschichte ist noch keine Geschichte. Sie passiert gerade.


Ich bin mittendrin.

Aber ich bin nicht mehr dieselbe Frau wie früher.


Ich habe Erfahrungen gesammelt. Werkzeuge. Erkenntnisse. Ich habe gelernt, hinzuhören, meine Grenzen zu erkennen, mich zu schützen und mich anzupassen. Ich habe gelernt, dass ich nicht immer wissen muss, was richtig ist. Ich darf ausprobieren. Ich darf meine Meinung ändern. Ich darf einen anderen Weg nehmen. Und ich darf auch einfach mal sagen: Heute geht es nicht.


Vielleicht ist das mein grösster Unterschied zu früher.

Nicht, dass ich heute immer weiss, wohin die Reise geht.

Sondern dass ich weiss, dass ich meine Segel immer wieder neu setzen kann.


Damit endet der erste Abschnitt meiner Endometriose-Geschichte.

Nicht die Geschichte selbst.

Nur das, was ich heute erzählen kann.


Und vielleicht braucht es manchmal genau das: nicht sofort alles verstehen, nicht sofort alles einordnen und nicht schon wissen zu müssen, wo man am Ende ankommt.


Manchmal reicht es, nach vorne zu schauen. Zu spüren, was gerade vor einem liegt.

Die Segel neu zu setzen.


Und dann zu sehen, wohin die Reise geht.


von Herz zu Herz

endoli | lisa hochstrasser

 

 
 
 

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