Meine Endometriose-Geschichte | Teil 12 – Wenn der Schmerz Fragen stellt
Wenn ich auf meine Endometriosegeschichte zurückblicke, war da schon lange eine Stimme. Eine leise Stimme, die immer wieder versucht hat, mir etwas zu sagen. Dass etwas nicht stimmt. Dass etwas zu viel ist. Dass ich nicht einfach immer weitermachen kann. Aber lange war der körperliche Schmerz so laut, dass für diese Stimme kaum Platz war. Ich funktionierte. Ich hielt aus. Ich passte mich an. Ich machte weiter.
Und irgendwann wurde es körperlich etwas leichter. Nicht, weil plötzlich alles perfekt gewesen wäre. Meine Endometriose war nicht einfach verschwunden. Auch mein Körper war nicht „wie früher“. Aber es war spürbar leichter geworden. Die schlimmsten Krämpfe waren weg. Die Angst vor jeder Bewegung hatte nachgelassen. Ich konnte wieder mehr atmen, mehr planen, wieder etwas nach vorne schauen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war da nicht nur Überleben. Ich dachte, vielleicht läge der schwerste Teil hinter mir.
Doch etwa ein Jahr später kam ein anderer Schmerz. Diesmal war er nicht körperlich, sondern emotional. Mein Privatleben riss mir nochmals den Boden unter den Füssen weg.
In diesem Teil meiner Geschichte geht es deshalb nicht ausschliesslich um meine Endometriose. Es geht um eine Zeit, die in meinem Leben so viel verändert und in mir so viele Fragen aufgeworfen hat, dass sie für mich trotzdem hierher gehört. Denn gerade durch diese Zeit begann ich, vieles auch im Zusammenhang mit meiner Endometriose neu zu betrachten: meinen Umgang mit Schmerzen, mit meinem Körper, mit meinen Grenzen und mit dem, was ich über mich selbst gelernt hatte.
Ich möchte darüber bewusst nicht ins Detail gehen, weil diese Geschichte nicht davon handelt, Schuld zu verteilen oder alte Geschichten aufzurollen. Sie handelt davon, was diese Zeit in mir ausgelöst hat. Aber ich möchte ehrlich sein: Es war nicht einfach ein Aufrütteln. Es fühlte sich an, als würde plötzlich alles, worauf ich innerlich und äusserlich gebaut hatte, wegbrechen. Nicht nur eine Beziehung. Nicht nur ein Alltag. Sondern auch das Bild, das ich von meinem Leben und von mir selbst hatte.
Auch wenn wir nicht immer nur einfache Zeiten hatten – und welche Beziehung hat das schon – war da für mich trotzdem dieses Gefühl: Da ist jemand. Da ist ein Mensch, mit dem ich mein Leben teile. Nicht perfekt. Aber da. Wenn so etwas wegbricht, stellt man nicht nur die Situation infrage. Sondern sich selbst. Nicht nur wegen dem, was im Aussen passierte, sondern auch wegen allem, was dadurch in mir hochkam.
Ich erinnere mich an Gedanken wie: Wie konnte ich das nicht sehen? Kann ich meinem Gefühl überhaupt vertrauen? Worauf kann ich mich überhaupt noch verlassen? Und irgendwann wurden diese Fragen noch tiefer. Nicht nur bezogen auf diese Situation, sondern grundsätzlich. Warum halte ich Dinge so lange aus? Warum passe ich mich oft so stark an? Warum fällt es uns manchmal leichter zu funktionieren, als ehrlich hinzuschauen? Wo habe ich gelernt, mich selbst zurückzunehmen, damit es für andere leichter ist? Und wie oft habe ich mich erklärt, obwohl mein Gegenüber es vielleicht gar nicht hören wollte?
Und da waren auch Sätze, die sich tief eingeprägt haben. Sätze wie: „Du musst jetzt funktionieren, Lisa.“ Oder: „Hättest du mehr Sex mit ihm gehabt, wäre es nicht so weit gekommen.“ Oder: „Als Mutter bist du gut, aber als Ehefrau hast du versagt.“
Solche Sätze haben mich damals nicht einfach traurig gemacht. Sie haben mich tief getroffen und etwas in mir erschüttert. Vielleicht auch deshalb, weil sie genau dort trafen, wo ich selbst schon unsicher war: bei meinem Selbstwert, meinem Frau-Sein und der Frage, ob ich genug bin.
Heute machen mich solche Aussagen vor allem wütend. Gerade wenn ich ähnliche Sätze in anderen Geschichten höre. Denn sie legen eine Verantwortung auf Frauen, die so einfach nicht sein kann. Sei verfügbarer. Gib mehr. Sei anders. Dann wäre es nicht passiert.
Aber was solche Aussagen in mir ausgelöst haben, ging noch tiefer. Sie trafen auf Fragen, die ohnehin schon da waren: Bin ich genug? Muss ich mehr leisten, mehr geben, mehr aushalten, damit ich geliebt werde? Muss ich mich anpassen, damit jemand bleibt? Und warum fällt es uns manchmal so leicht, die Verantwortung zuerst bei uns selbst zu suchen?
Gerade im Rückblick auf meine Endometriose bekam das eine besondere Bedeutung: Wo war eigentlich ich in all dem? Wo war mein Körper? Wo waren meine Seele und mein Geist?
Ich hatte gelernt, mich zusammenzureissen, Gefühle zu überspielen, damit sie niemanden belasteten oder störten, Schmerzen auszuhalten und Medikamente zu nehmen, damit der Alltag einfach weitergehen konnte – und dann vielleicht heimlich ein paar Stunden zusammenzubrechen, im Wissen, dass ich am nächsten Morgen wieder präsent sein musste. Funktionieren, obwohl mein Körper längst etwas anderes sagte. Und wie oft habe ich mich erklärt, obwohl ich vielleicht längst müde davon war, mich überhaupt erklären zu müssen?
Wie oft habe ich Schmerzen einfach hingenommen, weil ich dachte, sie gehörten eben dazu? Auch Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Dinge, die ich gespürt habe, über die ich aber nicht unbedingt gesprochen oder die ich vielleicht zu lange als etwas betrachtet habe, das ich aushalten muss.
Und plötzlich begann ich, Zusammenhänge zu sehen. Diese Haltung war nicht nur im Umgang mit meiner Endometriose da. Aushalten. Funktionieren. Mich zusammenreissen. Erklären. Weitermachen, auch wenn etwas in mir längst eine Pause gebraucht hätte. Und auch manche Glaubenssätze und Haltungen von aussen hatten erstaunliche Verwandtschaft mit dem, was ich selbst über meinen Körper und meine Belastbarkeit gelernt hatte.
Ich begann mich zu fragen: Wo habe ich wirklich auf meinen Körper gehört – und wo habe ich gelernt, ihn zu übergehen? Wo habe ich meine Grenzen gespürt und sie trotzdem verschoben? Welche Dinge habe ich mir selbst erzählt, damit ich weitermachen konnte? Und wie oft habe ich mich selbst zurückgestellt, damit es für andere leichter war?
Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich vieles neu überdenken musste. Nicht nur meine Gedanken, sondern auch meine Routinen. Wie ich meinen Alltag gestalte. Was ich von mir erwarte. Wo ich Grenzen setze. Wann ich auf meinen Körper höre – und wann ich ihn wieder übergehe.
Das war nicht einfach. Im Gegenteil. Es brachte mich an meine Grenzen. Denn alte Muster erkennt man nicht einfach und legt sie dann ab. Sie sitzen tief. Und gerade wenn man jahrelang gelernt hat zu funktionieren, fühlt sich Veränderung zunächst nicht unbedingt befreiend an. Manchmal fühlt sie sich ungewohnt, egoistisch oder sogar falsch an.
Und ja – auch die Frage nach meinem Frau-Sein war irgendwo da. Nicht jeden Tag. Nicht als grosses Drama. Aber leise. Denn auch wenn ich medizinisch wusste, dass mein Wert nicht an Organen hängt, funktioniert unser Inneres nicht immer logisch.
Wir tragen so viele unbewusste Geschichten in uns. Darüber, was Frau-Sein bedeutet. Darüber, was Liebenswert-Sein bedeutet. Darüber, was wir „mitbringen“ oder „leisten“ müssen, um genug zu sein. Und oft merken wir erst in Krisen, wie tief solche Überzeugungen tatsächlich sitzen.
Und plötzlich wurde diese leise Stimme, die ich so lange überhört hatte, lauter. Sehr viel lauter. Fast so, als würde sie schreien: Schau hin. Nicht nur auf das, was gerade im Aussen passiert, sondern auf dich. Auf deine Bedürfnisse. Auf deine Grenzen. Auf das, was du fühlst. Auf das, was dein Körper dir schon so lange zu sagen versucht.
Die Weiterbildung im Mentalcoaching, die ursprünglich aus meinem Wunsch entstanden war, andere Menschen zu begleiten, wurde in dieser Zeit plötzlich auch zu einem Spiegel für mich selbst. Ich begann zu verstehen, wie viel unterbewusst in uns abläuft. Wie stark wir von Glaubenssätzen, Automatismen, alten Schutzstrategien und inneren Dialogen geprägt sind. Wie sehr unser Nervensystem unser Erleben beeinflusst. Wie oft wir aus Angst handeln, ohne es überhaupt zu merken.
Ich begann zu erkennen, wie oft ich Härte mit Stärke verwechselt hatte. Wie oft ich Dinge ausgehalten hatte, statt mich ehrlich zu fragen, was ich eigentlich brauche. Wie oft ich meine Grenzen erst dort wahrgenommen hatte, wo ich längst darüber gegangen war.
Das war keine angenehme Erkenntnis. Aber eine unglaublich wertvolle.
Denn irgendwann verstand ich: Ich musste etwas verändern. Nicht, weil plötzlich alles klar war. Sondern weil ich mich selbst nicht länger übergehen wollte.
Und vielleicht war genau das der Moment, in dem der Schmerz seine ganz eigene Sprache bekam. Er stellte nicht mehr nur körperliche Fragen. Er stellte auch Fragen nach Vertrauen, Selbstwert, Grenzen, Glaubenssätzen und danach, wie ich eigentlich mit mir selbst umgehe.
Diese Phase war nicht leicht. Aber rückblickend war sie ein Wendepunkt. Nicht, weil plötzlich alles gut war oder ich auf einmal alle Antworten hatte. Sondern weil ich begann, mich selbst wirklich kennenzulernen.
Nicht nur als Frau mit Endometriose. Nicht nur als Mutter. Nicht nur in meinen Rollen.
Sondern als Mensch.
Und vielleicht beginnt genau dort eine ganz andere Form von Heilung.
Wie sich das angefühlt hat, als ich mich selbst und mein Leben Stück für Stück neu aufgebaut habe, erzähle ich im letzten Teil meiner Geschichte.
von Herz zu Herz
endoli | lisa hochstrasser




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