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Meine Endometriose-Geschichte | Teil 10 – Als alles zuerst wieder zerbrach

Als ich an diesem Morgen alleine ins Spital ging, war da etwas in mir, das ich lange nicht mehr gespürt hatte: Vertrauen.


Nicht blindes Vertrauen. Nicht die Vorstellung, dass ab jetzt plötzlich alles perfekt werden würde. Dafür hatte ich bereits zu viel erlebt – zu viel Schmerz, zu viele Enttäuschungen, zu viele Situationen, in denen ich gehofft hatte, dass jetzt endlich Hilfe kommt, und dann doch wieder mit leeren Händen dastand.


Und trotzdem war da diese leise Gewissheit: Ich bin bereit.


Diese Operation war keine spontane Entscheidung gewesen. Sie war über Monate in mir gewachsen – zwischen Schmerzen, Erschöpfung, inneren Kämpfen und der tiefen Trauer über das, was ich loslassen musste. Ich hatte mich vorbereitet. Organisatorisch. Medizinisch. Emotional – so gut das eben möglich ist.


Ich ging nicht als verzweifelte Frau in diese Operation. Ich ging als eine Frau hinein, die sich bewusst für einen Weg entschieden hatte.


Und in meinem Herzen war dieser eine Gedanke: Jetzt wird alles gut.


Was ich damals noch nicht wusste: Mein Körper hatte zuerst eine andere Geschichte für mich vorgesehen.


Die Operation dauerte deutlich länger als geplant. Wieder. Im tiefen Becken fanden sie weitere Endometrioseherde. Herde, die selbst während dieser grossen Operation nicht entfernt werden konnten, weil das Risiko schlicht zu gross gewesen wäre. Aber davon wusste ich in diesem Moment nichts.


Ich weiss nur noch Bruchstücke vom Aufwachen. Oder eher vom Dazwischen. Denn „aufwachen“ fühlt sich im Rückblick fast wie das falsche Wort an. Es war kein klarer Moment, kein Öffnen der Augen mit diesem Gefühl von es ist geschafft. Es war eher ein Treiben zwischen Bewusstsein und Wegdriften, zwischen Wärme und Kälte, zwischen Schmerz und Benommenheit.


Und dann kam die Übelkeit.

Mit voller Wucht.


Die Medikamente trafen meinen Magen so heftig, dass ich mich immer wieder übergeben musste. Anfangs dachte ich noch, das sei einfach die erste Phase nach der Narkose. Unangenehm, aber vorübergehend. Doch es hörte nicht auf.


Stunden vergingen. Dann Tage. Irgendwann verlor ich jedes Gefühl für Zeit. Ich weiss nur noch dieses endlose Wiederholen: Übelkeit. Erbrechen. Erschöpfung. Kurze Momente von Bewusstheit. Wieder Übelkeit. Nicht einmal Wasser blieb in mir. Essen war sowieso kein Thema. Irgendwann nuckelte ich an eingeweichtem Zwieback, als wäre das ein kleiner Hoffnungsschimmer – einfach nur, damit mein Körper überhaupt irgendetwas bekam.


Wenn das Morphium nachliess, änderte sich alles.

Dann kam der Schmerz.


Nicht einfach nur „Schmerzen nach einer Operation“. Mein Körper begann zu zittern, zu verkrampfen. Es fühlte sich an, als würde sich alles in mir zusammenziehen. Mein Körper war völlig ausser Kontrolle. Dann kamen wieder Medikamente. Diese seltsame Wärme, die sich ausbreitete. Das Wegdriften. Das kurze Vergessen. Und irgendwann wieder der nächste Schub.


Ein Kreislauf ohne Anfang und Ende.


Ich lag zunächst in einem Viererzimmer. Schon dort merkte man schnell, dass es mir nicht gut ging. Ich war kaum wirklich da, übergab mich immer wieder, mein Körper reagierte heftig auf die Medikamente – und irgendwann wurde ich in ein Zweierzimmer verlegt.


Trotzdem blieb dieses Gefühl: Scham.


Die Frau mir gegenüber hatte ihre eigenen Themen, ihre eigenen Schmerzen, ihre Besuche, ihre Mahlzeiten, ihre Momente. Und ich? Ich lag da und übergab mich immer wieder.

Ich weiss noch, wie unglaublich unangenehm mir das war. Wie klein ich mich fühlte. Wie sehr ich das Gefühl hatte, anderen zur Last zu fallen. Dabei war ich selbst kaum noch bei mir.


Wenn ich versuchte aufzustehen, sackte mein Kreislauf weg. Und trotzdem hörte ich immer wieder: „Sie müssen aufstehen.“ Heute verstehe ich natürlich, warum Mobilisation nach einer Operation wichtig ist. Aber in diesem Moment, in diesem Zustand, fühlte es sich nicht wie Unterstützung an.


Es fühlte sich an wie: Funktionieren müssen, obwohl nichts mehr funktioniert.


Ein Moment hat sich besonders tief eingebrannt.

Ich hatte Sauerstoff. Und dieses ständige Geräusch – dieses monotone Blubbern direkt an meinem Kopf – machte mich wahnsinnig. In meinem völlig überreizten Zustand fühlte sich selbst dieses Geräusch unerträglich an. Also klingelte ich.

Ganz vorsichtig fragte ich, ob man daran vielleicht etwas ändern könne.

Die Pflegefachperson, die hereinkam, war sichtbar genervt. Und dann kam ein Satz, der mich mitten ins Herz traf.


Sinngemäss: „Es gibt Patienten, die haben wirkliche Probleme. Und Sie klingeln wegen so etwas?“

Ich weiss heute, wie enorm belastet Menschen im Gesundheitswesen oft sind. Wie viel Druck da herrscht. Wie viele Menschen gleichzeitig Hilfe brauchen.


Und trotzdem. In diesem Moment brach etwas in mir.

Nicht nur wegen dieses Satzes. Sondern weil alles zusammenkam. Der Schmerz. Die Erschöpfung. Die Übelkeit. Die Angst. Die Orientierungslosigkeit. Die Hoffnung, mit der ich in diese Operation gegangen war.


Alles.


Ich begann zu weinen – und ich konnte nicht mehr aufhören.

Nicht dieses stille Weinen, das man irgendwie noch kontrolliert. Es war, als würde etwas in mir aufbrechen, das viel älter war als dieser Moment. All die Jahre des Funktionierens. Des Aushaltens. Des Starkseins. Des Sich-Zusammenreissens. Es kam einfach alles raus.


Später kam eine andere Pflegefachperson ins Zimmer. Ganz ruhig fragte sie mich, was los sei. Ich erzählte ihr, was passiert war. Sie beruhigte mich, sprach mit mir und holte mich langsam wieder zurück. Am nächsten Tag kam sogar die Abteilungsleitung zu mir und entschuldigte sich für die Situation. Und das bedeutete mir viel.


Denn es zeigte mir: Mein Schmerz war nicht „zu viel“. Ich war nicht falsch. Ich war einfach ein Mensch am Limit. Es war nicht das Schlimmste, was ich je erlebt hatte. Aber in diesem Moment fühlte es sich an, als gäbe es nichts ausser diesem Überleben von Stunde zu Stunde.

Und vielleicht war genau das so schwer.


Denn ich war mit einem inneren „Ich bin bereit. Jetzt wird alles gut.“ hineingegangen.

Und zuerst wurde es wieder ein Albtraum.


Aber – und das ist der Unterschied zu früher – dieses Mal blieb die Geschichte nicht dort stehen.

Ganz langsam. Fast unmerklich. Begann sich etwas zu verändern.


von Herz zu Herz

endoli | lisa hochstrasser 

 
 
 

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