Meine Endometriose-Geschichte | Teil 11 – Lernen, wieder zu vertrauen
- Lisa Hochstrasser
- 14. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Wenn wir über Heilung sprechen, stellen sich viele Menschen einen klaren Wendepunkt vor: eine Operation, ein Eingriff, ein grosses Ereignis – und danach beginnt das bessere Leben.
Ich wünschte, es wäre so einfach gewesen.
Denn Heilung fühlte sich bei mir nicht wie ein grosser Neustart an. Nicht wie ein klarer Schnitt zwischen „vorher“ und „nachher“. Eher wie ein sehr leises Wiederauftauchen.
Nach diesen Tagen im Krankenhaus war ich körperlich schwach. Mein Körper hatte viel durchgemacht, und ehrlich gesagt hatte ich grossen Respekt vor dem, was jetzt kommen würde. Ich kannte meinen Körper inzwischen. Ich kannte Schmerz, Rückschläge und Hoffnung, die sich später als Wunschdenken entpuppte. Vielleicht war ich deshalb vorsichtig geworden.
Und trotzdem merkte ich irgendwann etwas, das für andere vielleicht klein klingt, für mich aber riesig war: Die Krämpfe waren weg.
Diese brutalen Wellen, die mich über Jahre regelmässig aus dem Leben rissen. Diese Momente, in denen mein Körper sich vom Becken bis hoch in den Oberkörper verkrampfte, ich kaum Luft bekam, auf dem Boden lag und nicht wusste, wann es vorbei sein würde. Diese Krämpfe waren plötzlich nicht mehr da.
Nicht alles war gut. Aber etwas war anders. Und dieses Anders fühlte sich an wie Licht.
Die Schmerzmittel konnte ich nicht einfach von heute auf morgen absetzen. Mein Körper brauchte Zeit. Und wenn ich ehrlich bin: mein Kopf auch. Denn irgendwann sind Schmerzmittel nicht einfach Medikamente. Sie werden Sicherheit. Ein kleines inneres Netz. Ein „Was, wenn doch wieder etwas kommt?“ oder „Was, wenn ich ohne sie wieder zusammenbreche?“
Also reduzierte ich langsam. Vorsichtig. Mit Unsicherheit. Mit diesem ständigen inneren Scannen meines Körpers. Wie fühlt sich das heute an? Ist das normal? Kommt da etwas zurück?
Heilung war kein gerader Weg. Es gab Fortschritte und Rückschritte, gute Tage und schwierigere. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit ging es tatsächlich vorwärts.
Ein wichtiger Teil dieses Weges war die Beckenbodenphysiotherapie. Damals verstand ich noch nicht wirklich, wie viel unser Körper speichert. Wie sehr Schmerz Spuren hinterlässt. Wie ein Körper in dauerhafter Alarmbereitschaft irgendwann gar nicht mehr weiss, wie Entspannung eigentlich geht.
Mein Körper hatte über Jahre gelernt, sich zu schützen. Festzuhalten. Bereit zu sein. Und wenn ich ehrlich bin, ich auch.
Denn Endometriose war für mich nie nur körperlich. Es war auch die Angst vor der nächsten Schmerzwelle. Die Unsicherheit, ob ich überhaupt einen Termin planen kann. Die Anspannung bei jedem Toilettengang. Dieses permanente innere Mitdenken und Kontrollieren. Dieses Funktionieren.
Damals konnte ich das noch nicht so benennen wie heute. Aber ich begann zu spüren, dass Heilung vielleicht mehr ist als weniger Schmerz. Dass auch unser Inneres mitheilt – oder zumindest mitgesehen werden möchte.
Einige Zeit später begann ich eine Weiterbildung im Bereich Mentalcoaching. Ursprünglich nicht, weil ich dachte, dass ich selbst etwas aufarbeiten müsste. Sondern weil ich schon lange den Wunsch hatte, Menschen zu begleiten. Und dann sass ich plötzlich selbst mitten in meinen eigenen Themen.
Ich begann zu verstehen, wie viel in unserem Kopf geschieht, ohne dass wir es bewusst merken. Wie stark wir von Glaubenssätzen, Automatismen, inneren Dialogen und Gedankenspiralen geprägt sind. Wie sehr Stress unser ganzes System beeinflusst. Und wie normal sich manches anfühlt, obwohl es uns längst nicht mehr guttut.
Ich begann zu erkennen, wie oft ich in meinem Leben einfach funktioniert hatte. Wie selbstverständlich ich Härte mit Stärke verwechselt hatte. Wie lange mein Nervensystem im Ausnahmezustand gewesen war.
Und nein – ich glaube nicht, dass man Endometriose einfach wegdenken kann. So einfach ist es nicht. Aber ich glaube heute sehr wohl, dass unser innerer Zustand einen enormen Einfluss darauf hat, wie wir mit Schmerz, Stress, Angst und Heilung umgehen.
Diese Erkenntnis war für mich unglaublich wertvoll. Nicht als schnelle Lösung. Sondern als neues Verständnis.
Langsam wurde mein Leben leichter. Nicht perfekt. Aber leichter. Ich konnte die Schmerzmittel nach und nach reduzieren. Mein Körper fühlte sich nicht mehr wie ein permanentes Minenfeld an. Ich begann wieder zu atmen. Wieder kleine Dinge zu geniessen. Wieder ein Stück Vertrauen aufzubauen.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich wirklich das Gefühl: Vielleicht wird es jetzt anders.
Nicht dieses verzweifelte Hoffen von früher. Sondern eine ruhigere Form von Hoffnung. Eine, die nicht an einem letzten Strohhalm hing, sondern langsam in mir wachsen durfte.
Ich sah Licht im Tunnel.
Und ehrlich? Ich dachte: Jetzt kommt alles gut.
Doch das Leben heilt uns manchmal nicht in geraden Linien. Manchmal zeigt es uns erst, was körperlich leichter geworden ist, damit wir überhaupt die Kraft haben, auch andere Wunden anzuschauen.
Davon erzähle ich im nächsten Teil.
von Herz zu Herzendoli | lisa hochstrasser 🌿



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