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Meine Endometriose-Geschichte | Teil 8 – Wenn Hoffnung sich an einen letzten Strohhalm klammert

Es gab eine Phase in meinem Leben, in der ich das Gefühl hatte, innerlich an einer Grenze angekommen zu sein. Die Schmerzen wurden nicht weniger, obwohl ich so vieles ausprobiert hatte. Die Erschöpfung wurde zu einem Dauerzustand, und die Angst vor der nächsten Schmerzwelle begleitete mich wie ein leiser, aber stetiger Schatten im Hintergrund meines Alltags.

In einem Gespräch mit meiner Gynäkologin – einem der ersten, in denen ich mich wirklich gesehen und ernst genommen fühlte – sprach ich einen Gedanken laut aus, der schon lange in mir gewachsen war: Ich wollte meine Gebärmutter entfernen lassen.


Heute kann ich diesen Satz ruhig schreiben. Damals war er Ausdruck tiefer Verzweiflung. Ich war wütend auf meinen Körper. Genauer gesagt: auf meine Gebärmutter. In meiner Not gab ich ihr die Schuld für all das, was ich nicht mehr tragen konnte – für die Schmerzen, für die Einschränkungen, für das Gefühl, dass mein Leben immer enger wurde. Es war einfacher, etwas Konkretes verantwortlich zu machen, als die eigene Ohnmacht auszuhalten.


Mit etwas Abstand sehe ich vieles anders. Meine Gebärmutter war nicht meine Gegnerin. Sie war selbst betroffen. Selbst entzündet. Selbst überfordert von einer Erkrankung wie der Endometriose. Doch damals war ich noch nicht in der Lage, das so zu betrachten. Damals suchte ich nach einer Lösung, nach einem Ende dieses Zustandes.


Die Gespräche mit meiner Ärztin wurden intensiver und ehrlicher. Wir wogen gemeinsam ab. Mein Mann stand hinter mir, und unsere Familienplanung war abgeschlossen. Trotzdem war die Entscheidung für eine Hysterektomie kein rein medizinischer Schritt. Sie bedeutete Abschied – von Möglichkeiten, von einem Teil meiner Identität als Frau, von etwas, das mich mein Leben lang begleitet hatte. Und dennoch fühlte es sich wie der letzte greifbare Hoffnungsschimmer an. Vielleicht würden zumindest die stärksten Schmerzen verschwinden. Vielleicht würde ich wieder etwas mehr Leichtigkeit spüren.


Gleichzeitig begann in meinem äusseren Leben ein weiteres grosses Projekt: Wir entschieden uns, auf dem Hof meines damaligen Mannes zu bauen. Während ich arbeitete, Mutter war, den Haushalt führte und versuchte, unsere Ehe zu stabilisieren, plante ich zusätzlich unsere Wohnung. Ich zeichnete Grundrisse, stellte Räume in 3D dar, suchte Materialien, Farben, Böden und Möbel aus. Oft sass ich bis spät in die Nacht über diesen Plänen.


Rückblickend erkenne ich, dass dieses Planen mehr war als nur Organisation. Es war mein Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen. In einer Situation, in der mein Körper sich unberechenbar anfühlte, konnte ich zumindest Räume gestalten. Ich konnte entscheiden, wo eine Wand stehen sollte, welche Farbe ein Raum bekam, wie Licht fallen würde. Für kurze Momente fühlte sich das wie Gestaltungskraft an – wie Zukunft.


Doch während im Aussen etwas Neues entstand, wurde im Inneren vieles brüchiger. Mein Körper war dauerhaft im Alarmzustand, meine Seele müde vom Funktionieren, und auch meine Ehe litt unter einer Belastung, die uns beide an unsere Grenzen brachte. Es war eine Zeit, in der ich nach aussen stark wirkte und im Inneren zunehmend erschöpft war.


Heute weiss ich, dass Menschen oft dann an einem „letzten Strohhalm“ festhalten, wenn sie keinen anderen Halt mehr spüren. Nicht, weil dieser Strohhalm objektiv die perfekte Lösung ist, sondern weil er Hoffnung verkörpert. Und Hoffnung kann in dunklen Zeiten überlebenswichtig sein.


Diese Phase war kein einfacher Abschnitt meines Weges. Aber sie hat mir gezeigt, wie sehr wir lernen dürfen, mit uns selbst milder zu werden – gerade dann, wenn der Schmerz im Inneren liegt und niemand ihn sehen kann.


Von Herz zu Herz

endoli | lisa hochstrasser

 
 
 

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